Zu den vertretenen Unternehmen und Organisationen gehörten unter anderem Deutsche Bank, Röhlig Logistics, Siemens Healthineers, GoodMills, HSBC, Wilo Group, Airbus, ODDO BHF, Marquard & Bahls und die Handelskammer Hamburg.
Die Rolle der WTO
Frau Dr. Okonjo-Iweala stellte die Bedeutung der WTO als Fundament eines regelbasierten Welthandelssystems in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Sie betonte, dass die WTO weit mehr als ein System von Zolltarifen sei. Sie bilde den institutionellen Rahmen für internationale Handelsregeln und schaffe Rechtssicherheit, Vertrauen und Planbarkeit für Unternehmen und Investitionen. Sie verwies insbesondere auf:
- das TRIPS Agreement als Grundlage des internationalen Schutzes geistigen Eigentums,
- das WTO Customs Valuation Agreement mit weltweit einheitlichen Regeln für die Zollwertermittlung.
Nach den vorgestellten Zahlen erfolgen weiterhin rund 72 % des Welthandels auf Grundlage der WTO-Regeln. Gleichzeitig entfallen inzwischen rund 1,9 % des Welthandels auf KI-bezogene Produkte. Sie unterstrich außerdem die Bedeutung eines funktionierenden WTO-Streitbeilegungssystems und verwies darauf, dass inzwischen 62 WTO-Mitglieder am Multi-Party Interim Appeal Arbitration Arrangement teilnehmen.
Ihre zentrale Botschaft lautete: „Don’t play the victim“. Staaten und Unternehmen sollten ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken und die Chancen des Wandels nutzen, anstatt sich von geopolitischen Entwicklungen lähmen zu lassen.
Geopolitik als neue Realität
Frau Dr. Okonjo-Iweala und Herr Denton waren sich einig, dass eine Rückkehr zur früheren Weltordnung oder zu den Handelsstrukturen vor den aktuellen geopolitischen Spannungen nicht realistisch ist. Unsicherheit (“Uncertainty”) wurde als neue Normalität beschrieben. Unternehmen müssen lernen, dauerhaft mit geopolitischer Unsicherheit umzugehen und ihre Strategien entsprechend auszurichten. Herr Denton hob hervor, dass gerade in diesem Umfeld internationale Zusammenarbeit, verlässliche Regeln und starke multilaterale Institutionen unverzichtbar bleiben. Resilienz, Diversifizierung und langfristige Planung werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren.
Beiträge aus der Unternehmenspraxis
Die Unternehmensvertreter bestätigten die Einschätzungen der beiden Hauptredner:innen anhand ihrer praktischen Erfahrungen. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass der internationale Handel selbst zunehmend zu einer geopolitischen Herausforderung wird. Unternehmen benötigen verstärkt externe Expertise, um geopolitische Entwicklungen frühzeitig bewerten und in ihre strategischen Entscheidungen einbeziehen zu können.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Verwundbarkeit globaler Lieferketten. Die anhaltenden Krisen im Nahen Osten sowie andere geopolitische Spannungen verdeutlichen die Notwendigkeit, Lieferketten resilienter aufzustellen und Abhängigkeiten zu reduzieren. Am Beispiel der Luftfahrtindustrie wurde deutlich, wie stark globale Wertschöpfungsketten von hochspezialisierten Zulieferern abhängig sind und wie bereits der Ausfall einzelner Komponenten erhebliche Auswirkungen auf Produktion und Lieferfähigkeit haben kann.
Hervorgehoben wurde außerdem die Bedeutung resilienter Infrastruktur. Investitionen in Energie- und Netzinfrastruktur (Grids) sowie in kritische Infrastrukturen, insbesondere im Gesundheitswesen, wurden als wesentliche Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität und Versorgungssicherheit bezeichnet.
Handelswege und Lieferketten
Einigkeit bestand darüber, dass Unternehmen nicht warten sollten, bis geopolitische Chokepoints eskalieren. Kritische Handelsrouten – insbesondere das Rote Meer und die Straße von Malakka – müssen dauerhaft offen und sicher bleiben. Als völkerrechtliche Grundlage wurde das United Nations Convention on the Law of the Sea hervorgehoben, das die Freiheit der Schifffahrt gewährleistet.
Nachhaltigkeit, Resilienz und Diversifizierung
Ein wiederkehrendes Thema war die Notwendigkeit, wirtschaftliche Resilienz systematisch zu stärken. Diskutiert wurden insbesondere:
- Investitionen in resiliente Infrastruktur,
- die stärkere Verknüpfung von Handel und Nachhaltigkeit,
- die Diversifizierung globaler Lieferketten,
- die Verringerung einseitiger Abhängigkeiten,
- die strategische Bedeutung kritischer Rohstoffe.
Im Zusammenhang mit dem Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) wurde hervorgehoben, dass eine international einheitliche Methodik für CO₂-Bepreisung und CO₂-Bilanzierung erforderlich wäre. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass insbesondere die USA und weitere Staaten einem solchen Ansatz bislang zurückhaltend gegenüberstehen.
Digitalisierung und Zukunft des Handels
Mehrere Beiträge unterstrichen die Bedeutung digitaler Technologien für den internationalen Handel. Genannt wurden insbesondere digitale Ökosysteme, E-Commerce und Anwendungen Künstlicher Intelligenz.
Darüber hinaus wurde auf das weltweite Trade Finance Gap von rund 2 Billionen US-Dollar hingewiesen. Digitale Register und bessere Datenverfügbarkeit könnten dazu beitragen, den Zugang zu Handelsfinanzierungen zu erleichtern.
Kritische Rohstoffe und regionale Diversifizierung
Kritische Rohstoffe gewinnen zunehmend strategische Bedeutung. Sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite bestehen erhebliche geopolitische Chokepoints und einseitige Abhängigkeiten. Vor diesem Hintergrund wurden insbesondere hervorgehoben:
- der Abbau von Überabhängigkeiten,
- die stärkere regionale Diversifizierung von Wertschöpfungsketten,
- das Potenzial Afrikas für den Aufbau regionaler Wertschöpfungsnetzwerke.
Zudem wurde darauf verwiesen, dass weltweit inzwischen 384 Handelsabkommen bestehen, die dazu beitragen können, wirtschaftliche Verwundbarkeiten zu verringern.
Fazit
Das Executive Lunch verdeutlichte den breiten Konsens zwischen WTO, ICC und den teilnehmenden Unternehmen: Die geopolitischen Veränderungen werden das internationale Wirtschafts- und Handelsumfeld auf absehbare Zeit prägen. Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle konsequent auf Resilienz, Diversifizierung und langfristige Anpassungsfähigkeit ausrichten.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass regelbasierter Welthandel, starke multilaterale Institutionen und internationale Zusammenarbeit unverzichtbar bleiben, um Vertrauen, Investitionen und nachhaltiges Wachstum zu sichern. Dabei kommt der WTO weiterhin eine zentrale Rolle als Garant eines verlässlichen internationalen Ordnungsrahmens zu.

Bildnachweis: Kati Jurischka
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