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Sven Schmidt

ist Head of International Trade Finance Operations (TFO) bei der Commerzbank AG. Gleichzeitig ist er Mitglied der ICC Core Group zur Entwicklung von Standards für nachhaltigen Handel und nachhaltige Handelsfinanzierung.

Man könnte meinen, dass eine Wendung des ohnehin bereits komplexen und regulierten Ökosystems der Handelsfinanzierung in Richtung Nachhaltigkeit das Letzte ist, was die Welt jetzt noch braucht. Das Geschäftsfeld ist bereits stark reguliert und leidet unter strengen Sanktionsregimen, Vorschriften zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, Kontrollen von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck usw. Darüber hinaus haben Initiativen zur papierlosen Abwicklung der Handelsfinanzierung weiterhin Anlaufschwierigkeiten, während die ersten Anbieter digitaler Lösungen den Markt bereits wieder verlassen haben, noch bevor sie ihr volles Potenzial ausschöpfen konnten. Und die Schaffung einer diversifizierten Lieferkette, die widerstandsfähiger ist gegenüber globalen Turbulenzen, wie wir sie seit der Pandemie beobachten konnten, erfordert bereits die größte Aufmerksamkeit von international tätigen Unternehmen.

Warum also die Handelsfinanzierungsprozesse durch eine weitere Ebene von Kontrollen und Beschränkungen übermäßig verkomplizieren? Die Antwort ist weder einfach noch eindimensional: Die Handelsfinanzierung selbst verursacht Treibhausgasemissionen. Man schätzt, dass ca. 30 % der weltweiten CO2-Emissionen durch den Handel verursacht werden. Er trägt also erheblich zum Klimawandel bei. Die Handelsfinanzierung ist per se ein wahrhaft globales Geschäft und daher mit allen Ländern, aber auch mit den meisten Unternehmen verbunden. Jedes größere Unternehmen hat eine Lieferkette, die sich aus Produkten anderer Unternehmen speist, die in der Regel nicht in der Nähe ansässig sind.

Unternehmen und Banken, die in der Handelsfinanzierung tätig sind, sehen sich mit einer Zunahme von ESG-bezogenen Vorschriften konfrontiert, entweder auf nationaler Ebene (wie das deutsche Lieferkettengesetz) oder auf internationaler Ebene (wie die EU-Taxonomie), um nur zwei Beispiele zu nennen. Folglich müssen Unternehmen über E- („environmental“), S- („social“) und/oder G- („governance“) konformes Verhalten ihrer Lieferanten und sich selbst berichten. Wäre es nicht ein Leichtes, die bereits vorhandenen Daten für gehandelte Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, um Anliegen wie die Bekämpfung der globalen Erwärmung oder die Abschaffung von Kinderarbeit zu unterstützen?

Im Bereich der Handelsfinanzierung spielt die Internationale Handelskammer (ICC) eine Schlüsselrolle bei der Festlegung von Standards und Rahmenwerke für allgemein anerkannte Marktusancen – wie die Einheitlichen Richtlinien und Gebräuche für Dokumenten-Akkreditive (ERA 600). Deshalb ist die ICC die richtige Institution, um das erste Rahmenwerk für nachhaltigen Außenhandel (Sustainable Trade Framework – STF) zu entwickeln, zu testen, umzusetzen und weltweit zu fördern. Das Projekt begann im Jahr 2021 und hat seitdem gute Fortschritte gemacht, auch bei der Beseitigung von Hindernissen, die meiner Meinung nach einer erfolgreichen Umsetzung des STF im Wege stehen.

Globale Akzeptanz und ein einheitlicher Marktstandard

Die ICC hat einen offenen Austausch etabliert, an dem die verschiedenen Akteure des Trade Finance-Ökosystems, insbesondere Unternehmen, Banken und Technologieanbieter aus der ganzen Welt, beteiligt sind. Die sog. „Core Group“, die vom Beratungsunternehmen BCG unterstützt wird, bereitet das STF vor und stimmt die Ergebnisse mit einer „Review“- und einer „Pilot“-Gruppe ab. Damit soll sichergestellt werden, dass unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigt werden. Außerdem findet ein intensiver Austausch mit anderen Interessengruppen wie Aufsichtsbehörden, Wirtschaftsprüfern und Nichtregierungsorganisationen statt. Dies mag einerseits den Prozess der Entwicklung des endgültigen STF verlangsamen, schafft andererseits aber auch den nötigen Rückhalt dafür.

„Heutzutage sind Greenwashing-Vorwürfe eine ernste Bedrohung für jede Organisation, die Produkte mit einem ökologischen oder Nachhaltigkeitslabel bewerben möchte.“

Durch das Erproben des STF in einem realen Umfeld, wie im sog. „Wave 1 Pilot“ für die Textilindustrie, sehen die Teilnehmenden, was funktioniert und was wiederum den Handelsfinanzierungsprozess unnötig verlangsamt und zu einem hohen Verwaltungsaufwand führt.

Verständlich und detailliert gestalten

Eine Erkenntnis aus dem „Wave 1 Pilot“ war, dass das STF so detailliert wie möglich, gleichzeitig, aber auch verständlich bleiben muss. Dies ist keine leichte Aufgabe. Um dies zu erreichen, stützt sich das STF auf bereits anerkannte Industriestandards, ESG-Scores und die EU-Taxonomie. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern darum, sich auf bereits Bestehendes zu beziehen.

Mögliche Greenwashing-Vorwürfe vermeiden

Heutzutage sind Greenwashing-Vorwürfe eine ernste Bedrohung für jede Organisation, die Produkte mit einem ökologischen oder Nachhaltigkeitslabel bewerben möchte. Da der ICC-Entwicklungsprozess der STF-Regeln offen und transparent ist, nicht von einer Lobbygruppe geleitet wird und sich auf öffentlich zugängliche Informationen stützt, sollte das Greenwashing-Risiko minimal sein. Das STF ist so konzipiert, dass es auf globaler Ebene funktioniert und für alle Organisationen gleiche Bedingungen schafft. Jede Organisation kann sich in ihrem eigenen ESG-Rahmenwerk auf das STF der ICC beziehen.

Anwendung und sofortige Umsetzung ermöglichen

Die Handelsfinanzierung ist ein zeitkritisches Geschäft, bei dem kurze Durchlaufzeiten für den Betrieb essenziell sind. Eine langwierige ESG-Prüfung – zusätzlich zu den bereits bestehenden regulatorischen Prüfungen – wird die Bereitschaft, diese anzuwenden sowie die Zustimmung aller Marktteilnehmenden untergraben. Daher ist es wichtig, das STF so zu gestalten, dass es sofort implementiert und automatisiert werden kann.

Zu den wichtigsten Bestandteilen gehören ESG-Scores/Ratings für Unternehmen, allgemein anerkannte und verbreitete Industriestandards sowie die Förderung der Verwendung von HS-Codes. Dies wird es Finanzdienstleistern ermöglichen, Banken und Unternehmen automatisierte Lösungen anzubieten, mit denen sie prüfen können, ob eine Handelsfinanzierungstransaktion als „nachhaltig“ eingestuft werden kann.

ESG-Daten sammeln und für mehrfache Benutzung zur Verfügung stellen

Nicht nur für ESG- oder Nachhaltigkeitszwecke ist es heutzutage ausschlaggebend, relevante Daten zu sammeln und zu speichern. Um die verfügbaren Daten zu nutzen, ist es wichtig, einen integrierten Datenmanagement-Pool mit den erforderlichen ESG-/Nachhaltigkeitsdaten einzurichten, auf den die gesamte Organisation Zugriff hat.

Nehmen wir eine Bank als Beispiel: Die Daten, die die Kreditabteilung zur Berechnung eines Klimarisiko-Scores für einen Firmenkunden benötigt, und jene Daten, die die Handelsfinanzierungsabteilung benötigt, um zu entscheiden, ob Importeur, Exporteur und die beteiligten Korrespondenzbanken einer Handelsfinanzierungstransaktion nachhaltig sind, überschneiden sich. Das Gleiche gilt, für die von diesem Kunden produzierten und versendeten Waren, die das Geschäftsmodell und dessen mittel- bis langfristige Wirtschaftlichkeit widerspiegeln.

Marktteilnehmende zur Teilnahme motivieren

Wenn es keine regulatorische Notwendigkeit für die Klassifizierung von Handelsfinanzierungstransaktionen in Bezug auf ESG und Nachhaltigkeit gibt, könnte man sich fragen, warum man Zeit und Ressourcen investieren sollte. Die Antwort ist nicht einfach und unterscheidet sich wahrscheinlich darin, ob die Bank oder das Unternehmen in einem bereits ESG-regulierten Rechtsraum, wie der EU, ansässig ist oder auf einem anderen Kontinent, wo die ESG-Regulierung hinterherhinkt.

Durch das frühzeitige Testen und Anwenden der Vorgaben aus dem ICC STF, ist das Unternehmen in der Lage, sich auf eine künftige Regulierung im entsprechenden Land vorzubereiten. Als Lieferant aus einem Nicht-EU-Land erhält man außerdem eine genaue Vorstellung davon, welche Daten der/die Geschäftspartner:in verlangen wird, um bspw. eine Bestrafung nach dem Lieferkettengesetz zu vermeiden oder um proaktiv mit einem positiven Nachhaltigkeitsimage bei den Verbraucher:innen zu werben. Als Bank, die den Handel finanziert, sollte man diese Transaktionen in die Berichterstattung über die Green Asset Ratio einbeziehen.

Es wäre hilfreich, wenn die Aufsichtsbehörden entweder die Eigenkapitalanforderungen für nachhaltige Handelsfinanzierungsgeschäfte senken oder einen Aufschlag verlangen würden, sofern sie nicht nachhaltig sind. Dies würde auch Vorzugskonditionen und/oder längere Laufzeiten für Handelsfinanzierungstransaktionen erlauben, die die von der ICC aufgestellten Kriterien erfüllen. Institutionen wie die Asian Development Bank (ADB) oder die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) haben diesen Weg bereits eingeschlagen. Es ist eine Frage der Zeit, wann die meisten in der Handelsfinanzierung tätigen Geschäftsbanken folgen werden.

Fazit

Allen Akteuren des Trade Finance-Ökosystems ist zu empfehlen, sich entweder aktiv am STF-Entwicklungsprozess der ICC zu beteiligen oder zumindest die Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und sich entsprechend vorzubereiten. Das kostet zwar etwas Zeit und Ressourcen, wird aber durch wertvolle Erkenntnisse und das gute Gefühl, eine nachhaltigere Zukunft für das Handelsfinanzierungsgeschäft zu gestalten, belohnt.

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Mehr aus dem ICC Germany Magazin Nr. 17 finden Sie >>hier.