Zum Hintergrund

Der grenzüberschreitende Handel ist trotz jahrzehntelanger Bemühungen um die Digitalisierung, ein komplexer Prozess und in hohem Maße von Papierdokumenten abhängig. An einer grenzüberschreitenden Transaktion sind oft zahlreiche Akteure beteiligt und im Durchschnitt müssen 36 Dokumente und 240 Kopien ausgetauscht werden. Derzeit sind weniger als ein Prozent der Handelsdokumente vollständig digitalisiert. Dabei hat die Digitalisierung das Potenzial, den internationalen Handel resilienter, nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern könnte die Digitalisierung des Handels auch den Zugang mittelständischer Unternehmen zu den internationalen Märkten deutlich erleichtern.

Der derzeitige Stand

Ein wesentliches Hindernis für den Übergang zum papierlosen Handel ist die fehlende Anerkennung elektronischer übertragbarer Aufzeichnungen (ETR) in den nationalen Rechtssystemen. Auch Taxonomien, Standards und Technologien weichen im globalen Handelssystem teilweise stark voneinander ab. Die jüngsten Innovationen zur Digitalisierung des globalen Handelssystems hatten die unbeabsichtigte Folge einer Fragmentierung des Marktes und der Plattformen, die von mehreren Branchen der internationalen Lieferkette und von öffentlichen Stellen genutzt werden. Um diese „digitale Inseln“ miteinander zu verbinden, müssen erst die nötigen Rahmenbedingungen auf internationaler Ebene geschaffen werden. Eine Lösung besteht in Form des UNCITRAL-Modellgesetzes über elektronische Aufzeichnungen (MLETR, 2017). Das MLETR zielt darauf ab, die Verwendung von ETRs sowohl im Inland als auch grenzüberschreitend zu ermöglichen, indem es die Rechtsgültigkeit von ETRs anerkennt, die funktional ihren papierbasierten Pendants gleichwertig sind. Lediglich in 8 Staaten und insgesamt 8 Gerichtsbarkeiten wurden seit 2017 Rechtsvorschriften, die auf dem Modellgesetz beruhen oder von diesem beeinflusst sind, verabschiedet.

Das Ziel der DSI

Ziel der DSI ist es, die Entwicklung und Etablierung eines global harmonisierten, digitalisierten Handelsumfelds zu beschleunigen – als Schlüsselfaktor für ein dynamisches, nachhaltiges und integratives Wachstum. Dafür treibt die DSI regulatorische und institutionelle Reformen voran und mobilisiert den privaten Sektor, um die Einführung, Umsetzung und den Aufbau von entsprechenden Kapazitäten möglich zu machen. Die DSI folgt dabei einen Fahrplan, der auf vier Säulen fußt:

  • Standards: Entwicklung einer globalen Grundlage von Standards für digitale Handelsdokumente und -daten ermöglichen zur Förderung der Interoperabilität zwischen Netzwerken und Plattformen
  • Vertrauen: Rahmen für technologische Prinzipien und Praktiken entwickeln, um skalierbares digitales Vertrauen über das gesamte Handels-Ökosystem zu schaffen
  • Recht: sich weltweit für die geeigneten und notwendigen politischen Rahmenbedingungen einsetzen
  • Capacity Building: den öffentlichen und privaten Sektor einbinden und informieren, und zusammenarbeiten, um den Aufbau von Strukturen und Kompetenzen für den digitalen Handel zu fördern

Die Arbeit der DSI

Die DSI mit Sitz in Singapur arbeitet nach den Managementstandards der ICC und unter der Leitung eines Governance Board, das sich aus politischen Entscheidungsträger:innen von Regierungen und internationalen Organisationen zusammensetzt, darunter die Regierung von Singapur, die Asiatische Entwicklungsbank (ADB), die Welthandelsorganisation (WTO) und die Weltzollorganisation (WCO).

In Zusammenarbeit mit der WTO hat die DSI 2022 das Standards Toolkit für Paperless Trade im Außenhandel erstellt, um allen Beteiligten der Supply Chain, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor, einen Überblick über die wichtigsten und am weitesten verbreiteten Standards an die Hand zu geben und sie dabei zu unterstützen, die Digitalisierung von Handel und Lieferketten zu beschleunigen.

Im März 2023 hat die Arbeitsgruppe „Key Trade Document and Data Elements“ (KTDDE) der DSI hat einen Bericht vorgestellt, der sieben für den Handel unerlässliche Dokumente genauer unter die Lupe nimmt. Zu diesen sieben Dokumenten zählen Ursprungszeugnisse, Handelsrechnungen, Lagerscheine, Packlisten, Konnossemente, Zollerklärungen und Versicherungszertifikate. Daraus werden im Bericht konkrete Handlungsempfehlungen dafür abgeleitet, wie hier durch die Schaffung von Kompatibilität bereits bestehender digitaler Systeme und die einheitliche Definition zentraler Datenelemente Synergien geschaffen werden können.

Nach der Analyse von 14 weiteren Handelsdokumenten, die Transport und Logistik, Finanz- und Zahlungsprozesse sowie Eigentumsdokumente abdecken, wurden Anfang November 2023 erweiterte Empfehlungen vorgelegt. Sie umfassen u.a. ein neues Glossar der wichtigsten Handelsdaten und eine Karte der gemeinsamen Datennutzung für die insgesamt 21 Dokumente, die von der KTDDE-Arbeitsgruppe in den letzten Monaten entwickelt wurden. Der dritte und letzte Bericht, erwartet im ersten Quartal von 2024, wird 16 weitere Handelsdokumente analysieren. Die Arbeitsgruppe wurde im letzten Jahr von der DSI einberufen, um alle wichtigen Handelsdokumente zu analysieren und Klarheit und Einigkeit darüber zu schaffen, wie die Digitalisierung des Handels an jedem Punkt der Lieferkette erfolgen kann.

Über die ICC Academy bietet die DSI seit letztem Jahr den Erwerb des Digital Trade Strategy-Zertifikats (CDTS) an. Ziel des Kurses ist es, den Lernenden ein tiefes Verständnis der verschiedenen Komponenten zu vermitteln, die für die Digitalisierung von Handels- und Lieferkettenprozessen erforderlich sind.

ICC Germany innerhalb der DSI

ICC Germany ist eng in die Arbeit der DSI eingebunden und bringt Exporteure, Importeure, Banken, Spediteure und Technologieanbieter zusammen, um digitale Exportgeschäfte mit ihren Partnern in anderen MLETR-konformen Ländern durchzuführen. Im September 2023 konnte ein Pilotprojekt für eine einheitliche Verarbeitung elektronischer Frachtbriefe erfolgreich abgeschlossen werden.

Auf politischer Ebene hat sich ICC Germany gemeinsam mit zehn weiteren Wirtschaftsverbänden Ende 2022 an das Bundesjustizministerium mit einem Vorschlag für den Rechtsrahmen und die Ausgestaltung elektronischer Fracht-, Lager- und Versicherungsdokumente gewandt. Vier Monate später nahm die Einführung digitaler Transportversicherungspolicen ihre letzte Hürde im Bundesrat.

ICC Germany-Generalsekretär Oliver Wieck ist Chair des Legal Reform Advisory Boards der DSI. ICC Germany-Mitglied Stephan Wolf, CEO der Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF), ist Vice Chair des Industry Advisory Boards. Mehr zur Struktur der DSI erfahren Sie hier.

Kontakt

Sie haben Interesse, sich einzubringen oder mehr über die Arbeit der DSI zu erfahren? Kontaktieren Sie gern Dr. David Saive (d.saive@iccgermany.de).